Das Parsifal-Bewusstsein

Eine Reise ins Wunderland

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Der Mythos ganz allgemein betrachtet gründet im Gegensatz zum Logos und der "realen" Welt der Dinge "da draußen" auf einer inneren und zumeist unbewussten Schau und Sehnsucht nach einem Gotteserlebnis im eigenen, innerseelischen Raum - also nach den "großen Gefühlen". 

Es ist die Suche nach etwas, das schmerzlich vermisst wird, ohne das man es vorher mit Worten zu benennen wusste. 

Der Wunsch großartig zu sein musste dabei in einer männlich beherrschten Gesellschaft, also zur Entstehungszeit der Gralslegenden (und "natürlich" auch "Heute"), notwendigerweise zur Herstellung von Helden führen, welche diese Möglichkeit vorstellbar machten. 

Der deutsche Philosoph Oswald Spengler beschreibt in seiner "Philosophie des Schicksals", wie er sein oftmals missverstandenes Werk "Der Untergang des Abendlandes" betitelt, Mythen als volksspezifische "Verhaltensmuster" und Herausforderungen im Leben eines jeden Mitglieds eines Kulturkreises, und folgert hieraus: "In diesem Sinne wiederholt nun auch mit tiefster Notwendigkeit jedes irgendwie bedeutende Einzelwesen alle Epochen der Kultur, welcher es angehört. In jedem von uns erwacht das Innenleben - in jenem entscheidenden Augenblick, von dem man weiss, dass man ein Ich ist - dort und so, wie einst die Seele der ganzen Kultur erwachte. Jeder von uns Menschen des Abendlandes erlebt als Kind seine Gotik, seine Dome, Ritterburgen und Heldensagen, das "Dieu le vent" der Kreuzzüge und das Seelenleid des Parzival in wachen Träumen........" 

Wenn man sich mit Mythen beschäftigt, so fällt auf, dass wir in ihnen immer symbolträchtige "Dinge" wie etwa Schwert, Lanze, Burg, Schatz, Turm, Wald, Höhle etc. antreffen, welche alle einen gleichnishaften und mehrdeutigen Charakter haben. 

Diese Symbole sind Ur-Bilder der Seele: Anschauungen und Wirklichkeiten einer übersinnlichen und kollektiven Erfahrungsebene, über die sich Archetypen manifestieren, welche die strukturierenden "Ideen" der Mythen sind. 

Archetypen sind nach Jung "eingeprägte" Elementargedanken und urtümliche Leitbilder des kollektiven Unbewussten (vergleichbar den platonischen Ideen), die überall auf der Welt anzutreffen sind und lediglich in unterschiedlichen Verkleidungen, zumeist in Träumen, Visionen und Phantasien, aufsteigen. 

Ein Mythos steigt immer dann verstärkt in das kollektive Bewusstsein empor, wenn die Zeitqualität einen essentiellen Mangel an den Werten und Zielen erleidet, die in ihm idealisiert werden. Der Glaube an einen Mythos ist somit auch immer Hoffnung und Traum, dass sich die Zustände in diesem Sinne bessern. Es ist nebenher gesagt der gleiche Glaube (und Traum), von dem behauptet wird, dass er Berge versetzten kann. 

Ein beliebtes Motiv in Mythen ist der tapfere und heroische Held, der zur Indentifikation einläd. Die früheren Helden aus den Zeiten einer heidnisch-archaischen Götterverehrung kämpften vornehmlich mit"realen" Ungeheuern, zumeist Drachen, die bekanntlich in dunklen Höhlen hausten.

Im mythologischen Kontext waren Höhlen (im Bauch der Mutter Erde) schon immer Assoziationen für das Unbewußte (das Weibliche), was auch erklärt, dass der rituelle Kultus der Höhlenmaler und Schamanen überwiegend eben dort stattfand. 

Der frühe Heldentypus kämpfte hier gegen die finsteren Widersachermächte an, die aber noch außerhalb seiner Selbst (nämlich in der Natur) gedacht wurden. 

Um die Jahrtausendwende entstand dann ein neuer Heldentypus, welcher mit einer moralischen Zielsetzung und zum Selbstopfer bereit in ferne "geografische Orte" reiste und dort ungewöhnliche Abenteuer, Prüfungen und Entsagungen bestehen musste, um geläutert, würdig und bewusst, "nach Hause" zu gelangen. 

Nicht selten galt es, ein oder mehrere Reliquien oder einen Schatz, der geraubt oder sonst wie abhanden gekommen war, und der schmerzlichst vermisst wurde, heimzuholen. 

Dieser Schatz war im übertragenen und symbolhaften Sinne ein bedeutungsträchtiges Geheimnis. 

Die wahre Suche war die nach den letzten Dingen. Und das Verständnis des eigenen Selbst war der Lohn.


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